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Die Papierfabrik tief im Wald

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“The Lost World” direkt vor der Haustüre! Ich komme hier immer wieder gerne hin. Man fühlt sich wie in einer anderen Welt und Zeit. Ob “The Walking Dead”, “Der Planet der Affen” oder “Jurassic Park”, hier kommen dem Träumer sicherlich ähnliche Storys in die Fantasie. Versteckt im Wald stehen die alten Gemäuer und lassen sich von der Natur beherrschen.

Am 1. Juni 1833 erhielt ein Geschäftsmann die Genehmigung zum Bau einer kleinen Tuchfabrik an einem Bach. An einer Rauh- und zwei Zylinderscheermaschinen wurden darin Tuche bearbeitet. 1845 wurde der Einbau einer Wasserturbine genehmigt, die damit zu den ersten Deutschlands gezählt haben dürfte.

Geprägt wurde der Ort ab 1856 von der großen Weberei und Tuchfabrik der zweier Brüder, die 1870/1872/1874 auch drei große Arbeiterwohnhäuser errichten ließen. Mit der Umwandlung der Hofschaft in einen Industrieort wechselte der Name des Ortes. Obwohl sich die Gebrüder, wie auch ein paar Jahre zuvor ein anderer Unternehmer, das Recht zur Nutzung der Wasserkraft des nahen Flusses bemühten, blieb eine Genehmigung versagt. Dennoch wurde mit dem Bau von letztendlich ungenutzten Wassergräben und einer Mühlenschlacht begonnen.

1866 sind fünf Dampfkessel und zwei Dampfmaschinen in der Tuchfabrik im Betrieb. Da sich die Fabrikationsanlage auf zwei Gemeindegebieten befand, entstand 1868 ein heftiger Rechtsstreit zwischen den beiden Gemeinden um die Steuereinnahmen. Beinahe 600 Menschen arbeiten zu dieser Zeit im Werk.

Für die Anbindung der Fabriken in den Ortschaften wurde 1886 der erste Teilabschnitt einer Bahn gebaut. Auch die Fabrik bekam einen eigenen Haltepunkt an der Bahnstrecke. Der Streckenabschnitt gehört einem Förderverein und soll als Museumsbahn wieder hergerichtet werden.

Im Gemeindelexikon für die Provinz werden für das Jahr 1885 sechs Wohnhäuser mit 380 Einwohnern angegeben. 1895 besitzt der Ort sieben Wohnhäuser mit 312 Einwohnern, 1905 17 Wohnhäuser und 299 Einwohner.
Ein Brand zerstörte vor 1890 Teile der Tuchfabrik, das Hauptgebäude blieb aber verschont. Dennoch musste um 1890 Insolvenz angemeldet werden und 325 Mitarbeiter wurden arbeitslos. Zu den Gläubigern gehörte auch ein Baumeister. Ab 1892 produzierte ein neuer Unternehmer in den Räumen Korsettstangen, Taillenband und anderes Kleidungszubehör.
1898 wurde das Industriegebäude in eine Papierfabrik für Fahrkartenkarton- und Tapetenpapier umgewandelt. Zu der Betriebsausstattung gehörten zwei Rundsiebmaschinen, eine Längssiebmaschine und eine 650 PS starke Tandemdampfmaschine von der Firma MAN zum Antrieb der Papiermaschinen. Die Elektrifizierung der Fabrik erfolgte 1912. Es wurde eigener Strom durch ein Dampfturbinenaggregat erzeugt, das ebenfalls zu den ersten in Deutschland zählen dürfte.
1927 geriet die Fabrik in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde von einer Firma übernommen, deren Teilhaber ein paar Jahre zuvor eine Papiermanufaktur gegründet hatte. Seine Innovation war die Produktion von Papiersäcke für Zement, der zuvor üblicherweise in 100 kg Fässern transportiert wurde. In Zusammenarbeit mit Maschinenbauern wurden Prüf- und Fertigungsmaschinen für die Säcke entwickelt, die im Zweiten Weltkrieg massenhaft für die rüstungstechnischen Baumaßnahmen benötigt wurden. Auch in der Nachkriegszeit war der Bedarf an Zementsäcken enorm, so dass die britischen Besatzer 1948 die Erlaubnis für die Wiederaufnahme der Produktion erteilten.
1952 wurde die Dampfturbine durch eine neue der Firma AEG ersetzt. In den 1959er Jahren arbeiteten 150 bis 200 Menschen in der Fabrik, die eine von fünf Werken war. Es wurden Paraffinkrepp, die Papiermarken Silco-Phan, Ito-Phan und andere produziert. In den 1960er Jahren übernahm eine schwedische Firma das Werk.
Die Produktion wurde am 30. November 1970 eingestellt, da die Produktionskapazität am Standort zu klein war. 135 Mitarbeiter wurden entlassen. Die schwedische Firma produzierte auch danach noch mit zwei anderen Werken.

1997 haben sich kleinere Firmen in der Anlage angesiedelt, die Hauptfabrik steht allerdings leer und verfällt.

 

 

Über Rico Mark Rüde

Als begeisterter Schleicher(Urbexer) treibt es ihn seit 2002 an die entlegensten Orte, die vielen nicht einmal bewusst sind, obwohl man jeden Tag daran vorbei läuft, oder fährt. Er hält alles fotografisch fest und in diesem Blog wird dies dann, ergänzt durch Recherchen und Texte zu einem neuen Artikel.

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